IT-Anbieter und Autobauer

Connected Car - weniger Statussymbol, mehr Dienstleistung

27.04.2015 von Stefan Pechardscheck und Matthias Loebich  
"Connected Car"-Dienstleistungen sind der zentrale Markttreiber der Automobilindustrie in Europa und eine Chance für diese, sich langfristig und nachhaltig am Weltmarkt zu positionieren.

Intelligente Transportsysteme wie Connected Car-Systeme gelten als Schlüsseltechnologien für die Mobilität von morgen. Permanenter Informationsaustausch zu Verkehrsfluss, Witterung und dem Vordermann kann Fahren maximal effizient und komfortabel machen. So passt das intelligente Auto beispielsweise Geschwindigkeit und Route so an, dass es auf einer immergrünen Welle durch die Stadt schwimmt. Die Vorteile: weniger Staus und Unfälle, verbesserte Energieeffizienz, mehr Platz auf den Straßen sowie mehr Zeit und weniger Stress.

Schon heute ist ein Fahrzeug der Oberklasse mit mehr als 100 Millionen Zeilen Software-Code ausgestattet - Tendenz steigend.
Foto: Blue Island-shutterstock.com

Das Auto vor allem extern vernetzen

Laut der Studie "Connected Car in Europe" werden Connected Car-Services mit 80 Prozent vernetzter Neuwagen bereits im Jahr 2020 zum Standard gehören. Der technische Fokus der Unternehmen verschiebt sich momentan von der Konnektivität innerhalb des Autos in Richtung einer 'Car-to-X'-Konnektivität, also der Anbindung der Fahrzeuge an externe Informationsquellen und Dienstleistungen. Unternehmen werden sich in Zukunft stärker auf die Entwicklung und Bereitstellung externer Dienstleistungen konzentrieren.

Das Kundenerlebnis steht im Vordergrund

Die Studie macht deutlich, dass der Markt für "Connected Car"-Lösungen mittlerweile einen fortgeschrittenen Reifegrad erlangt hat. Nachdem eine erste Generation an Lösungen im Bereich Infotainment- und Informationsdienste bereits am Markt angeboten wird, befindet sich nun eine zweite Generation von Dienstleistungen, wie beispielsweise Sicherheitslösungen, Fahrerassistenzsysteme oder After-Sales-Services in den Entwicklungs- und Testphasen der Hersteller.

Dabei markiert die Markteinführung von OnStar in Europa einen Meilenstein für das Wachstum im Bereich der Konnektivität, weil damit sowohl Volumen- als auch Premiummarken Dienstleistungen mit integrierten Lösungen auf den Markt bringen. Eine Reihe von Autoherstellern hat die erste Generation von 'Connected Car'-Services eingeführt, die sich hauptsächlich auf die technischen Herausforderungen bei der Vernetzung eines Fahrzeugs konzentrierten. OEMs und Zulieferer mussten einige Hürden überwinden, um vernetzte Autos auf den Markt zu bringen. Hierzu gehörten zum Beispiel unterschiedliche Standards und Rechtsgrundlagen sowie die Einführung digitaler Services innerhalb eines siebenjährigen Entwicklungsplans.

Auf der nächsten Reifestufe geht es nun darum, das Kundenerlebnis zu verbessern, einen Markt für entsprechende Dienstleistungen zu etablieren sowie die Grundlage für die Konnektivität zwischen Fahrzeugen beziehungsweise zwischen Fahrzeug und Infrastruktur zu schaffen.

Volvo Connected Cars kommunizieren über die Cloud
Volvo Connected Cars kommunizieren über die Cloud
Volvo präsentiert auf der MWC in Barcelona die Technologie "Slippery Road Alert ".
Volvo Connected Cars kommunizieren über die Cloud
Das Fahrzeug erkennt eine glatte Fahrbahn und meldet es in die Volvo-Cloud.
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Die Technologie zum Reagieren auf Glatteis ist schon in aktuellen Fahrzeugen mit ASR und ESP vorhanden. Durchdrehende Räder oder ein Ausbrechen des Autos soll so verhindert werden.
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Der "Slippery Road Alert" meldet dieses Ereignis nun eben der Volvo-Cloud.
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Kommen andere Volvos mit Cloud-Anbindung an der glatten Stelle vorbei, so erhalten sie eine Warnung.

Das Auto, ein Computer auf Rädern

Für den Traum vom vernetzten Fahren sind Schnittstellen zur Außenwelt das Wichtigste am Auto. Denn viele Funktionen, die heute der Fahrer am Lenkrad erfüllt, übernimmt das autonome Fahrzeug alleine. Im Auto von morgen steckt daher immer mehr Computer. Schon heute ist ein Fahrzeug der Oberklasse mit mehr als 100 Millionen Zeilen Software-Code ausgestattet - Tendenz steigend. Hersteller, die in der Automobilindustrie in Zukunft Erfolg haben möchten, müssen entsprechendes Know-how einkaufen, aufbauen oder integrieren. Neben traditionellen Maschinenbauern brauchen sie zunehmend auch Informatiker.

Mobile Devices als Cockpit

Mit fortschreitender Digitalisierung werden Angebote zu seiner Konnektivität immer wettbewerbsrelevanter. Das vernetzte Fahrzeug eröffnet Herstellern aber auch neue Umsatzquellen, etwa mit Services rund um das Internet, Angeboten zum Infotainment während der Fahrt oder touristischen Dienstleistungen. Das Auto wird so zu einem Schnittstellenprodukt, an dem Unternehmen verschiedenster Sektoren arbeiten: neben der Automobilindustrie auch ehemals branchenfremde Player wie Telekommunikations- oder Softwareunternehmen. Apple und Google zum Beispiel arbeiten an der nahtlosen Integration ins Fahrzeug. So kann ein Smartphone oder Tablet das traditionelle Armaturenbrett im Autotraum von morgen ersetzen. Anfang 2014 hat Google die sogenannte Open Automotive Alliance (OAA) ins Leben gerufen. Dabei handelt es sich um eine technologische Verbindung von führenden Automobil- und Technologieherstellern, wie Audi, GM, Hyundai, Honda und Nvidia, die auf der Android-Plattform aufbauen. Auch Apple hat vor einem guten Jahr unter dem Namen CarPlay ein neues System vorgestellt, welches eine Verbindung zwischen dem iPhone und dem Infotainment-System des Fahrzeugs schafft.

Datenschutz und Datensicherheit

Ein offener Punkt bei der zunehmenden Digitalisierung ist der Umgang mit den Daten, der Datensicherheit und Datenhoheit. Bereits heute speichern Fahrzeuge permanent Informationen wie Fahrverhalten, Routen, Verkehr, Verschleiß und vieles mehr. Diese Daten stehen durch die zunehmende Vernetzung auch außerhalb des Fahrzeugs zur Verfügung und sind bei vielen Beteiligten sehr begehrt.

Angefangen von Versicherungspolicen, die vom Fahrverhalten abhängen, über Städteplaner, die Verkehrsströme intelligent steuern wollen, bis hin zu Automobilherstellern, die ihre Kunden rechtzeitig in die eigene Werkstatt leiten wollen - viele Unternehmen erblicken neue Geschäftsmodelle. Daneben streben auch staatliche Organisationen nach dem Zugriff auf Daten, beispielsweise für die Aufklärung von Straftaten. Datenschutz und Privatsphäre stehen dabei den geschäftlichen Interessen gegenüber und müssen gegeneinander abgewogen werden, damit Autofahrer nicht "gläsern" werden. Der Zugriff auf die Daten - auch vor dem Hintergrund von unerlaubten Zugriffen - ist eine der zentralen Aufgaben, die die Automobilindustrie lösen muss, um der Idee des vernetzten Fahrens zum Durchbruch zu verhelfen.

Fazit

Wie in vielen anderen Wirtschaftszweigen wird auch die Automobilindustrie digital. Traditionelle Vergleichsgrößen wie Hubraum, Zylinder und Antrieb treten in den Hintergrund. Fahrspaß heißt im Autotraum von morgen: zurücklehnen, genießen und die Zeit anderweitig nutzen.

Der Kampf um die digitale Vorherrschaft im Automobil ist längst entbrannt. Neue Player wie Google, Apple und Co. drängen mit Macht in die digitalen Nervenzentren im Auto. Kooperation heißt bei ihnen Zugang zu den Daten. Die Automobilhersteller wehren sich - wer die Vorherrschaft über die Daten hat, hat - wie in anderen Branchen auch - den Zugang zum Kunden. Nicht alle werden genügend Marktmacht haben - es bleibt spannend auf dem Weg zum connected car.