Das Internet of Things (IoT) stellt möglicherweise die größte Chance für Unternehmen seit dem Beginn des Internet-Zeitalters dar und könnte dieses sogar noch übertreffen. So prognostiziert die Marktforschungsfirma Gartner, dass das Internet of Things bis 2020 fast 20 Milliarden Geräte umfassen und Anbietern von IoT-Produkten und -Services mehr als 300 Milliarden Dollar Umsatz bescheren wird.
Um diese Möglichkeiten, sprich die Zusammenführung von Sensoren, Konnektivität, Cloud-Speicher, Datenverarbeitung und -analyse sowie maschinelles Lernen, um Geschäftsmodelle und Prozesse zu verändern, erfolgreich nutzen zu können, braucht es jedoch einen Plan.
"Im Laufe meiner Karriere habe ich Hunderte von Projekte bewertet und geplant", schreibt John Rossman in seinem neuen Buch "The Amazon Way on IoT: 10 Principles for Every Leader from the World's Leading Internet of Things Strategies" (ISBN: 978-0692739006). "Dabei habe ich gelernt, dass man, bevor man anfängt, Antworten zu suchen, unbedingt die Fragen verstehen muss", erklärt der frühere Amazon-Manager, der vier Jahre mit dem Planen und Führen von Amazons Marketplace-Geschäft (über das mehr als 50 Prozent aller Waren auf Amazon verkauft werden) verbracht hat. "Um ein Team in einem komplexen Projekt zu einem erfolgreichen Ergebnis zu führen, braucht man ein Verständnis von den Schritten und erreichbaren Ergebnissen, den notwendigen Ressourcen und Rollen sowie von jedem inhärenten Risiko und jeder Abhängigkeit."
Bevor Sie also bei Ihrem IoT-Projekt mit dem Hard- und Softwaredesign starten und sich darüber Gedanken machen, wie Sie die Entwickler einsetzen, so Rossman, müssen Sie mit einem besseren Set an Fragen starten.
Rossman zufolge gibt es drei Schlüsselphasen beim Aufbau einer erfolgreichen IoT-Strategie. Wenngleich er die Schritte sequenziell vorstellt, weist er darauf hin, dass viele Schritte in der Praxis tatsächlich gleichzeitig genommen werden und in vielfältiger Weise angegangen werden können.
Teil 1: Entwickeln und artikulieren Sie Ihre Strategie
Zuallererst, erklärt Rossman, müssen Sie Ihre Optionen einschränken und priorisieren. IoT bietet eine breite Palette an Möglichkeiten. Der Erfolg hängt davon ab, ob Sie Ihren Markt verstehen, die Chancen mit Bedacht bewerten und an der richtigen Stelle angreifen.
Analyse der Wettbewerbslandschaft
Alles beginnt mit einer Analyse der Wettbewerbslandschaft. Sie müssen Ihre Branche und Ihre Wettbewerber durch und durch verstehen - Stärken, Schwächen, Chancen und Risiken (SWOT-Analyse). Dies wird Ihnen helfen, die Megatrends und treibenden Kräfte in Ihrem Markt zu erkennen. "Die Erstellung einer Analyse der Wettbewerbslandschaft und der Wertschöpfungskette in Ihrer Branche ist eine sehr wichtige Sache", erklärt Rossman gegenüber CIO.com. "Sie müssen den Markt studieren: Was sagt man über IoT in Ihrer Branche? Und wirklich in Erfahrung bringen, was Ihre schlimmsten Kundenmomente sind: Wo werden die Kunden enttäuscht? Welche Daten oder welches Ereignis verbessert die Kundenerfahrung? Wo besteht die Möglichkeit, mit Sensoren oder IoT diese Daten bereitzustellen?
Analyse der Wertschöpfungskette und des Profit-Pools
Der nächste Schritt ist es laut Rossman, zu Ihrer Branche eine Analyse der Wertschöpfungskette und des Profitpools vorzunehmen. Sie sollten dabei aber einen Tunnelblick vermeiden und auch auf Möglichkeiten links und rechts von Ihrem aktuellen Geschäft schauen. In einigen Fällen wird es dazu nötig sein, ein Geschäft in einem Teil der Wertschöpfungskette anzufangen, um so einen Blick auf die übrige Wertschöpfungskette zu werfen und andere Geschäftsmöglichkeiten zu erkennen.
Partner-, Wettbewerbs- und Lieferantenanalyse
Erstellen Sie eine Karte der anderen Lösungsanbieter in Ihrem Geschäftsfeld, um ein klares Verständnis dafür zu entwickeln, was genau jeder tut, wer ihre Hauptkunden sind und wie ihre IoT-Use-Cases aussehen. Rossman empfiehlt, dazu sogar einige von ihnen zu interviewen. Nutzen Sie diesen Prozess, um die Bedürfnisse der Kunden zu erkennen, die intelligente Art und Weise, wie diese bereits erfüllt werden und wo es Lücken gibt.
Kundenbedürfnisse
Der nächste Schritt ist es, diese speziellen unbefriedigten Kundenbedürfnisse zu dokumentieren und die wichtigsten Reibungspunkte zu identifizieren, die Ihre zukünftigen Kunden derzeit erfahren, erklärt der Buchautor. "Wenn Sie dabei den Weg vom Anfang bis hin zu dem erwünschten Ergebnis verfolgen, hilft das Ihnen dabei, Details und Prioritäten zu identifizieren, die ansonsten stark überbewertet oder komplett übersprungen werden könnten."
Allerdings ist die Erstellung überzeugender Kundenprofile und Customer Journeys harte Arbeit, warnt Rossman, und Sie müssen möglicherweise mehrmals von vorne anfangen, um sie richtig hinzukriegen. "Der größte Fehler, den Sie dabei machen können, ist, sie nur zum Vorzeigen zu erstellen und nicht als Arbeitsgrundlage", schreibt er. "Machen Sie sich bis zur Fertigstellung (wenn überhaupt) keine Sorgen über die Schönheit der Ergebnisse. Sorgen Sie sich lieber darüber, wie Sie an die erforderlichen Erkenntnisse kommen, etwa indem Sie mit Kunden sprechen und Ihre Ergebnisse zusammen mit anderen bewerten, die Ihnen weitere Einblicke für Ihre Arbeit bringen und auf Herausforderungen hinweisen können."
Evaluierungsrahmen und Bewertung
Entwerfen Sie Wege, um den Erfolg Ihrer Bemühungen zu bewerten. "Dazu gehört auch das Verständnis der Machbarkeit und der Übergangspunkte eines Projekts und wie es in andere Unternehmensstrategien in Ihrem Unternehmen integriert wird", schreibt Rossman. "Manchmal, vor allem, wenn Ihre Organisation auf dem Gebiet Connected Devices noch neu ist, sollte der Erfolg Ihres Projekts eher in Hinblick auf das gemessen werden, was Sie daraus lernen können, und nicht, ob es klassisch als ein Erfolg gesehen werden kann." Der ehemalige Amazon-Manager hält es auch für legitim, einige frühe IoT-Initiativen ausschließlich deshalb zu starten, um Erfahrung zu sammeln - ohne Erwartung auf einen Return on Invest (ROI).
Die Strategie artikulieren
Sobald Sie alle diese Analysen erstellt haben, müssen Sie Ihre Erkenntnisse mit dem Rest des Teams teilen. Er habe die meisten Erfolge dabei gehabt, diese zu vermitteln, indem er ein Schwungradmodell von Geschäftssystemen zeichnete und daraus ein Geschäftsmodell entwickelte, erklärt Rossman.
Teil 2: Erstellen Sie Ihre IoT-Roadmap
Haben Sie Ihre großartige Geschäftsidee erklärt und überzeugend vermittelt, warum Ihre Organisation sie aufgreifen sollte, benötigen Sie eine IoT-Roadmap. Diese hilft Ihnen zu planen und Anderen mitzuteilen, wo die Reise hingeht, was gebaut wird und wie es funktionieren wird. "Greifen Sie beim Erstellen Ihrer Roadmap eine der beliebtesten Strategien von Amazon auf: Denken Sie groß, aber wetten Sie mit niedrigem Einsatz", empfiehlt Rossman.
Mit anderen Worten: Sie brauchen eine große Vision, aber Sie wollen nicht "viel Einsatz wagen". Machen Sie kleine Wetten, um zu testen, ob Sie richtig liegen. Das kann die Erstellung eines Prototyps, eines Minimum Viable Product (MVP) oder die gemeinsame Entwicklung eines Projekts mit bestehenden Kunden und Partnern sein.
Rossman schlägt vier Methoden vor, die Ihnen helfen können, Ihre Roadmap zu artikulieren:
Die künftige Pressemitteilung: Entwickeln Sie eine einfache, aber genaue Produktankündigung. Dies zwingt Sie dazu, Ihre Vorstellungen zu verdeutlichen, so Rossman.
Eine FAQ für Ihrem IoT-Plan: Überlegen Sie sich, mit welchen Fragen zu Ihrem Produkt Sie voraussichtlich konfrontiert werden und entwickeln Sie ein Dokument, in dem Sie die am häufigsten gestellten Fragen beantworten.
Ein Benutzerhandbuch: Entwickeln Sie ein vorläufiges Benutzerhandbuch für Ihr IoT-Gerät. Es sollte sich an den Endbenutzer wenden. Bieten Sie für das Produkt auch eine API an, sollten Sie zusätzlich ein Benutzerhandbuch für Entwickler erstellen.
Eine Projektcharta: Schreiben Sie eine Projektcharta, also eine schriftliche Projektübersicht, die die wichtigsten Aspekte des Projekts skizziert. Es sollte Ihnen dabei helfen wahrzunehmen, welche Ressourcen Sie für das Projekt benötigen, was die wichtigsten Meilensteine sind und wie der Zeitplan aussieht.
Teil 3: Identifizieren und ordnen Sie Ihre IoT-Anforderungen
Der letzte Schritt besteht darin, dass Sie Ihre IoT-Anforderungen identifizieren und abbilden - also die technischen Erfordernisse skizzieren, um Ihre Lösung erfolgreich umzusetzen. "Unternehmen verwenden viele verschiedene Ansätze, wie Use Cases, die Anforderungen des Anwenders, Prozessabläufe, Rollen, Spezifikationen der Architektur etc. um ihre Vorgaben zu dokumentieren", schreibt Rossman. Unabhängig davon, welche Anforderungsmethodik Sie wählen, so der Buchautor, ist es wichtig, die Fragen rund um Erkenntnisse (Daten und Ereignisse), Analysen und Empfehlungen, Leistung, Umweltbedingungen und Betriebskosten zu beantworten. Zum Thema "Erkenntnisse" beispielsweise sollte man auf Fragen wie diese eingehen:
Welches Problem, welches Ereignis oder welche Erkenntnis ist für den Endanwender zu lösen?
Welche Erkenntnisse wären für den Kunden wertvoll?
Welche Empfehlung oder Verbesserungen mithilfe der Daten wären für einen Kunden wertvoll?
Welche Daten müssen gesammelt werden?
Zu Analysen und Empfehlungen könnten folgende Fragen gestellt werden:
Wie responsiv müssen Anpassungen oder Verbesserungen sein (mit Zeitangabe)?
Wie komplex wird die zugrundeliegende "Mathematik" sein? Schreiben Sie die mathematische Gleichung oder den pseudo-logischen Code auf, wenn möglich.
Werden Benachrichtigungen, Logik, "Mathematik" oder Algorithmen konsistent und festgelegt sein, oder müssen sie konfigurier-, aktualisier- und verwaltbar bleiben?
Fragen zur Performance könnten folgende Punkte enthalten:
Schätzen Sie die Datenmenge, die über einen Zeitraum (Stunde, Tag) übertragen wird.
Was passiert mit nicht erhobenen Daten?
Was passiert mit Daten, die gesammelt, aber nicht gesendet werden?
Mögliche Fragen zu den Anforderungen, die Umwelt und Betrieb betreffen:
Unter welchen Betriebsbedingungen werden Gerät und Sensor eingesetzt (z. B. Temperatur, Feuchtigkeit, Druck, Zugänglichkeit und Vibration)
Muss das Gerät vor Beschädigung geschützt werden und welche Risiken gibt es?
Werden das IoT-Geräte oder die Sensoren in ein anderes Gerät integriert, oder bilden sie selbst ein unabhängiges physisches Gerät?
Fragen zu den Kosten könnten folgendermaßen lauten:
In welchem Bereich sollen die Kosten pro Gerät liegen?
In welchem Bereich sollen die Konnektivitätskosten pro Gerät liegen?
Wie hoch ist die zusätzliche Spanne für Betriebskosten, mit der das Unternehmen den laufenden Betrieb der Infrastruktur unterstützen kann?
"Denken Sie beim Erstellen Ihre Pläne daran, dass IoT zwar die wichtigsten Stücke zu einem Puzzle liefern kann, es ist aber nicht das goldene Ticket", schreibt Rossman. "Einfach nur eine IoT-Lösung zu erstellen, bringen Ihnen keinen Erfolg. Wenn Sie sich jedoch darauf konzentrieren, Ihren Kunden durch neue oder aktualisierte Produkte oder Services einen großen Mehrwert zu bieten, die Geschäftsprozesse Ihres Unternehmens zu verbessern, oder neue beziehungsweise effizientere Geschäftsmodelle zu kreieren, werden Sie viel wahrscheinlicher erfolgreich sein."
Dieser Artikel basiert auf einem Beitrag der US-Schwesterpublikation CIO.com.